War früher alles besser?

Früher war alles besser, ein Satz den man immer wieder Mal hört. Aber wie war das bei Animes, war früher wirklich alles besser? Um diese Frage zu beantworten, schwelgen wir etwas in Erinnerungen, genauer gesagt beleuchten wir das Ende der 90iger und Anfang der Zweitausender. Also der Zeitraum, in dem der RTL II Animeblock eine Generation von Fans geprägt hat. Beachtet aber, dass der Text auf persönlichen Erfahrungen der Schreiberlinge beruht und Eindrücke anderer etwas abweichen kann. Wir wünschen euch viel Spaß auf unserer kleinen Zeitreise.

Internet
Sieht man sich Listen mit den Animes einer Season an, wird man schnell feststellen, dass heutzutage deutlich mehr Animes in Japan erscheinen als vor knapp 20 Jahren. Dank diversen legalen Seiten können wir diese auch hierzulande im Simulcast kurz nach der japanischen Ausstrahlung miterleben, früher undenkbar. Fansubs benötigten damals schon mal mehrere Wochen. Doch viele der Fansubber von früher hielten sich im Gegensatz zu den heutigen illegalen Portalen (die in der Regel auch keine Fansubs erstellen) an einen Verhaltenskodex, der besagt, dass die Fansubs nicht mit kommerziellen Veröffentlichungen konkurrieren sollen. Aber da damals noch nicht jeder Haushalt Internet hatte und die Download-Geschwindigkeiten furchteinflößend waren, war die primäre Anlaufstelle für Animes das Fernsehen. 2004 wurde Facebook gegründet und die Sozialen Medien, die aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken sind, begannen langsam ihren Siegeszug. Vorher waren Foren beliebt, wo man sich auf diversen, oft von Fans betriebenen Seiten, über sein Hobby austauchen konnte. Aber auch Brieffreundschaften waren für viele ein Weg, um mit Gleichgesinnten Kontakt zu pflegen. Über eigene Rubriken in Printmagazinen konnte man neue Leute kennen lernen.

TV
Wie eingangs erwähnt, war der RTL II Animeblock das Highlight der damaligen Fans. Von Dragon Ball und Pokémon über Digimon und Detektiv Conan bis zu One Piece und Naruto, der Sender hatte Serien im Programm, die sich noch heute großer Beliebtheit erfreuen. Wir haben aber auch bei Monster Rancher, Power Stone und Flint Hammerhead mitgefiebert, also Animes, die jüngere Fans oft nicht kennen. Absehen von den RTL II Tagesprogramm gab es aber auch noch weitere Sender, die Animes gezeigt haben. Die Animenächte bei VOX boten mit M.D. Geist oder Hellsing etwas härtere Titel, die teilweise auch auf Japanisch mit Untertitel ausgestrahlt wurden. Doch anstelle von einer wöchentlichen Ausstrahlung, gab es immer mehrere Episoden der gleichen Serie am Stück. Unsere Videorecorder hat es gefreut. Auch MTV bot unter anderem mit Ghost in the Shell Stand Alone Complex und City Hunter Animekost für Fans. Vereinzelte Serien wie Sailor Moon oder Gundam Wing gab es auf Sender wie Tele5 oder Sat.1. Auch wenn es etwas den Eindruck vermitteln lässt, dass damals sehr viele Sender Animes zeigten, möchten wir erinnern, dass wir hier von einem längeren Zeitraum sprechen und nicht alle Sender gleichzeitig Animes ausstrahlten. Nun hat ProSieben Maxx zum Großteil die Anime Unterhaltung im TV übernommen, was, wenn man die Nostalgie weglässt, dem damaligen Programm ebenwürdig ist.

Unwissenheit
Einer der größten negativ Punkte aber gleichzeitig auch etwas Positives war die damalige Unwissenheit. Damals gab es zwar schon das Internet, aber wie bereits erwähnt, hatte nicht jeder Haushalt Zugriff darauf. Somit gab es relativ wenig Leute, die sich Infos aus dem Netz saugen konnten. Eine Alternative zur Informationsbeschaffung waren diverse Magazine, die man sich kaufen konnte, was aber natürlich auch nicht jeder machte. Somit ergaben sich verständlicherweise einige Probleme. Hatte man kein TV Magazin, versäumte man die unregelmäßigen Anime Nächte bei VOX gerne. Dasselbe gilt auch für den Start neuer Folgen. Fand man einen Manga oder Anime in einem Laden, so hatte man keine Vorabinfos dazu, was bei einer Kaufentscheidung helfen würde. Auch war man auf das Angebot vor Ort beschränkt, man könnte zwar theoretisch Sachen bestellen lassen, aber wenn man nicht weiß, dass es einen Titel gibt, kann man es auch nicht beschaffen. Im schlimmsten Fall gab es aber in der Nähe überhaupt kein Geschäft, welches Anime/Mangas führte, womit man schließlich auf TV oder Freunde angewiesen war. Genug Negatives, kommen wir zu den Vorteilen der Unwissenheit.

Fangen wir mit der Synchro an, über eine schlechte deutsche Sprachfassung beschwerte sich damals niemand. Ob dies heißt, dass die Vertonungen damals besser waren, sei mal dahin gestellt. Im Grunde ist es aber so, man kannte das Original nicht und konnte es auch nicht mit diesen vergleichen. Somit war man einfach mit der vorhandenen Tonspur glücklich. Recht ähnlich ist es auch beim nächsten Punkt. Das RTL II für die Tagesaustrahlung teils auf gekürzte Fassungen oder US Versionen zurückgriff, störte damals auch niemanden. Bei den Unterhaltungen am Schulhof kam keiner an, der sagte „aber die gestrigen Folge war wieder stark gekürzt“. Die Wahrheit ist: wir haben nicht gemerkt, dass was fehlt. Ich will hiermit nicht die Änderungen verteidigen, aber zeigen, dass diese meist nicht so stark ins Gewicht fallen. Wir hatten einfach Spaß an den Animes in der Form wie sie eben hierzulande waren. Da überrascht es auch nicht, dass niemand wusste was Filler sind, obwohl wir bei Dragon Ball (Z) jede Menge davon hatten. Es war für uns einfach Teil der Serie. Ende der 90iger und Anfang der Zweitausender war es zudem auch fast unmöglich, dass man gespoilert wird, obwohl manche Serien knapp 10 Jahre zuvor in Japan ausgestrahlt wurden. Wodurch sich zusammenfassen lässt, dass man durch die Unwissenheit mancher „Mängeln“ unbelastet den jeweiligen Anime ansehen konnte und man sich den Spaß daran nicht verderben ließ. Die Nachteile der Informationslosigkeit liegen ebenfalls auf der Hand, wodurch man sehr schwer sagen kann ob die Unwissenheit ein Segen oder Fluch war.

VHS
Zwar haben wir immer wieder betont, dass für den Großteil der Fans, das TV Programm die primäre Anlaufstelle für Animes war, aber auch damals gab es Kaufmedien. So wurde bereits 1992 Akira auf Videokassette veröffentlicht. Mit OVA Films folgte 1995 das erste deutsche Label was sich auf Animes spezialisiert hat. Der erste direkt als Anime vermarktete Titel war Plastic Little. Der Anime wurde, wie damals üblich ohne deutsche Synchro, sondern auf japanisch mit Untertiteln in den Handel gebracht. In einer alten Animania Ausgabe wurde diese Entscheidung wie folgt begründet: „Um die Originalität des Films und auch den Enthusiasmus der Sprecher zu erhalten, beschloss man also die Filme einfach zu untertiteln“. Ohne eine Synchro mussten die Kassetten doch günstiger gewesen sein? Nein leider nicht, eine VHS mit vier Folgen von Neon Genesis Evangelion kostete laut einer Animania Anzeige von 1999 49,95 DM (umgerechnet etwa 25€), in etwa das was wir heutzutage für eine DVD/Blu-ray mit ähnlicher Folgenanzahl inklusive Synchro bezahlen. Die vierteilige OVA Phantom Quest Corporation erschien verteilt auf zwei Kassetten, welche man um jeweils 39,95 DM (ca. 20€) kaufen konnte. 2001 ging es auch mit den ersten DVD los. Dank dem Vorteil der Disc konnte man nun auch mehrere Tonspuren auswählen und es wurden immer mehr Animes mit deutschen Synchros veröffentlicht, obwohl zuvor schon vereinzelte Animes eine deutsche Vertonung erhielten. 2002 gab es X – The Movie mit beiden Tonspuren um 29,95€ auf DVD zu kaufen. Die OmU DVD-Komplettbox von Record of Lodoss War wurde damals um 69,95€ angeboten. Preislich waren die Animes früher schon mal nicht günstiger, wenn man bedenkt, dass teils eine Sychro fehlt, bekam man früher für etwa das selbe Geld weniger geboten. Wie sah es mit der Auswahl aus? Aus reiner Erinnerung können wir natürlich keine Zahlen nennen, aber dank alter Animania Ausgaben können wir etwas nachforschen. So gab es 1995 in Juli und August jeweils einen Anime, der damals erschienen ist (Plastic Little und Bubblegum Crisis). In der November/Dezember Ausgabe von 1999 wurden sieben Animes bei „erschienen sind“ gelistet. Für Mai 2002 waren acht Animes angekündigt. Im Vergleich dazu wurden in Mai 2019 36 Animes auf Disc veröffentlicht, teils waren es auch Neuauflagen oder Gesamtausgaben von bereits zuvor erhältlichen Titeln. Nicht mitgezählt sind Simulcasts oder Animes die in diesen Monat z.b. zu Netflix /Amazon Prime Video ins Programm ausgenommen wurden. Es zeigt jedoch, dass wir im Vergleich zu früher in einem förmlichen Überschuss leben.

Manga
Auch hier zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei den Animes. Damals erschienen im Vergleich zu heute nur ein Bruchteil des aktuellen monatlichen Angebots. Dafür gab es einen Mangaband bereits um etwa 5€ zu kaufen. Durch anstiegt der Papier, Druck und allgemeine Betriebskosten wurde die Preise nach und nach erhöht. Unter anderem wurde mit der Manga Power und BANZAI! versucht eine deutsche Version des Shōnen Jump Magazin unter den deutschen Fans zu etablieren. Eine Weile ging es auch gut und wir hatten auch hierzulande regelmäßig erscheinende Bücher mit einzelnen immer fortgesetzten Kapiteln aus diversen Manga Serien. Leider konnte sich dieses Konzept sich hierzulande nicht langfristig durchsetzen. Eines nach den anderen wurde eingestellt, wobei sich die Daisuki von 2003 bis 2012 recht lange am Markt behaupten konnte.

Cons
Heutzutage gibt es eine Vielzahl an Conventions, es gibt wohl kaum eine größere Stadt ohne eigene Veranstaltung. Die AnimagiC war 1999 eine der ersten Anime Cons. In den Jahren darauf folgen unter anderem auch die AniNite (2001) Connichi (2002), AniMaCo / Mega Manga Convention (2002) und viele mehr. Die Besucherzahlen betrugen damals auch nur einen Bruchteil der heutigen Teilnehmer. Dementsprechend war auch das gebotene Programm kleiner. Manche meinen, dass kleine Veranstaltungen einen besonderen Charme haben und man bei größeren Cons in der Anonymität untergeht. Dies mag sicherlich stimmen, aber auch heute gibt es genügend kleine Veranstaltungen. Die Möglichkeit, heute eine schöne Con für sich zu finde,n ist deutlich besser als vor einigen Jahren. Einzelne Veranstaltungen waren mit der Nostalgiebrille früher sicher besser, aber ich würde ungerne auf die heutige Vielzahl der Conventions verzichten.

Was ist nun das Fazit?
Lässt man den Zeichenstil und/oder Qualität einzelner Animes außer Acht, was auch viel mit dem persönlichen Geschmack zu tun hat, muss man objektiv betrachtet sagen, dass wir es heutzutage besser haben. Es war noch nie einfacher an Anime und Mangas zu kommen, die Auswahl und Verfügbarkeit kann einen förmlich erschlagen. Natürlich vermissen wir Sachen, wie die deutschen Opening/Endingsongs, was wir wohl in der Form wohl nicht mehr bekommen werden. Aber unsere geliebten Klassiker sind zum Glück auch nicht verloren, sondern gibt es meist auf DVD/Blu-ray zu kaufen. Auch auf unsere alten Helden müssen wir oft nicht verzichten. Während die Abenteuer von Ruffy, Ash und Conan nie zu Ende waren, gab es für andere eine Nachfolgeserie oder ein Remake. So durfte Son Goku nicht nur in drei weiteren Kinoabenteuern auftreten, sondern bekam mit Dragon Ball Super noch eine neue Anime sowie Manga Serie. Naruto übergab die Heldenrolle an seinen Sohn Boruto und Sailor Moon Fans konnten sich mehr oder weniger auf eine an dem Manga angelegte Neuverfilmung freuen. Bei letzterem gilt der neue Zeichenstil als umstritten. Auch wir Fans sind älter geworden. Während die einen ihr Hobby nie aufgaben und sich nun teils mit dem Organisieren einer Con, dem Betreiben einer Webseite und vielem mehr stets in neue Abenteuer stürzen, haben andere unser Hobby ihren eigenen Kindern näher gebracht.

chris

Unser Anime-Schnäppchenjäger. Die Gerüchte besagen er hätte noch nie den vollen Preis für eine Disc bezahlt.

chris

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